Die Milch hilft: Kleinbauern in Afrika mit guten Ansätzen

Kleinbäuerliche Milchproduktion in Burkina Faso als Beispiel der Misereor-Aktion „Die Welt ist voller guter Ideen. Lass sie wachsen."

Kleinbauern-Präsident Diallo in Birkenau

„Niemand bei uns in Europa sollte sich da noch wundern, dass immer mehr Flüchtlinge aus Afrika zu uns kommen“ so das Fazit eines Teilnehmers der Veranstaltung im Birkenauer katholischen Pfarrheim, bei der Ibrahim Diallo, Moslem und Präsident des Dachverbandes der Kleinmolkereien aus Burkina Faso über die Situation der Bauern in seinem Land berichtete.

Misereor hat für die diesjährige Fastenaktion Burkina Faso als Partnerland gewählt mit dem Schwerpunkt „Ideenreichtum der Kleinbauern“. Dafür wurden zahlreiche Informationen zusammengestellt und neun Gäste aus Burkina eingeladen, mit denen Misereor in Projekten vor Ort zusammen arbeitet. Viele Aktionen in ganz Deutschland sind bis Ostern zusammen mit den Gästen gelaufen. Zu dem Schwerpunktthema wurden innovative Ideen aus der Landwirtschaft, entwickelt von Kleinbauern mit ihren lokalen Möglichkeiten, vorgestellt. Dazu gehören die Entwicklung nachhaltig verwendbarer Dünger, die Entdeckung neuer, einfacher Mittel zur Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten bei Rindern, die Züchtung robuster Rassen oder die Einführung von Minimolkereien. In regelmäßigen Workshops helfen sich die Kleinbauern gegenseitig beim Austausch ihrer Ideen.

Die Birkenauer Partnerschaftsgruppe „Christen für Afrika“ hatte den Misereor-Gast Diallo eingeladen und dieser begann seinen Vortrag mit einem eindrucksvollen Film über das veränderte Leben der Bauern in seinem Land.

Ibrahim Diallo und Joke Jochum beim Vortrag in Birkenau

 

Die Peulh – ein Nomadenvolk

Diallo gehört der Volksgruppe der Peulh an – einem traditionell umherziehenden Hirtenvolk. Die Peulh stellen ein Drittel der burkinischen Gesamtbevölkerung, die Rinderzucht ist seit Urzeiten ihre Haupteinnahmequelle, vor allem deshalb gibt es aktuell rund 10 Millionen Rinder in Burkina Faso. Jedes neu geborene Kind erhält ein Rind, für das es später sorgen wird. Die Peulh leben hauptsächlich im Norden des Landes, haben sich aber inzwischen auf alle Landesteile verteilt. Politisch sind sie nur schwach vertreten, ein Ergebnis des Nomadenlebens, in dessen Folge sie nicht an einem Ort integriert und gebunden waren, was Voraussetzung ist für eine politische Repräsentanz. Das ändert sich nur langsam und kann vielleicht in Zukunft die Interessen der Peulh besser in die Regierungsarbeit hineinbringen.

Veränderung nötig und erfolgreich

Die starke Bevölkerungszunahme und die damit einhergehende intensivere Landnutzung der Ackerbauern führten zunehmend zu Konflikten zwischen den Sesshaften und wandernden Nomaden. Aber die Burkinabè hatten wieder einmal gute Ideen: die Peulh entschieden sich, die Herden zu verkleinern, sesshafter zu werden und weniger Rindfleisch und dafür Milch zu produzieren. Das Verbleiben an einem Ort ermöglichte zudem den Kindern, eine Schule zu besuchen.

Das Problem der Kühlung der Milch wurde durch Minimolkereien mit Solar-betriebenen Kühlschränken gelöst. Die Arbeit mit der Milch wird von Frauen erledigt. Diese haben damit direkten Zugang zu Einkommen. Allerdings war es alles andere als leicht, die Mentalität eines Nomadenvolkes derart zu ändern. Nach und nach wurde die Milchleistung von durchschnittlich drei auf fünf Litern pro Tag und Kuh gesteigert – eine weitere Steigerung in Maßen ist angestrebt, allerdings bei weitem nicht die 20 und mehr Liter, die überzüchtete europäische Kühe liefern können.

Der Verkauf von frischer lokal erzeugter Milch und von Joghurt führte bei den Peulh jahrelang zu guten Erfolgen und zu einem steigenden Lebensstandard. Die Eliten in der Hauptstadt Ouagadougou wurden aufmerksam, als sie erfuhren, dass man mit Milch und derart organisierten Minimolkereien Geld verdienen kann. So entstanden rund um Ouagadougou größere Farmen und Molkereien. Die reichen Burkinabè holten sich Rinder aus Europa, die dort die fünf- bis zehnfache Menge an Milch geben, allerdings vergaßen sie dabei, dass diese Rinder viel zu anfällig waren für die klimatischen Bedingungen in der Sahelzone.

Unerwartete Hindernisse

Vor einiger Zeit stellten die Bauern jedoch fest, dass der Absatz zurück ging. Was war der Grund? Man fand heraus, dass es in ganz Burkina Faso urplötzlich um ein Drittel preiswerter zu erhaltenes Milchpulver aus Europa zu kaufen gab. Den Bauern wurde erklärt, dass es in Europa eine Milchkrise gebe und daher das viele Milchpulver nach Afrika gekommen sei.

Ibrahim Diallo stellte die provokative Frage an die Zuhörer: „was ist die Milchkrise, bitte erklärt mir das – ich verstehe es nicht, ich bin kein Europäer“. Es entwickelte sich eine lebhafte Debatte über Überproduktion, Milchquoten, Abschaffung derselben, Verringerung der Einfuhrzölle, Milchschwemme und über die Entdeckung des Marktes Afrika durch die auf der großen Milchmenge sitzenden Agrarkonzerne. Letztere verdienten mit EU-subventionierten Exporten sehr viel Geld – die lokale Wirtschaft in Burkina Faso jedoch leidet zunehmend, Familien können von der Produktion nicht mehr leben. Das gerade erreichte Vertrauen der Viehzüchter zu ihrem neuen sesshaften Leben mit weniger Vieh wird erschüttert – einige murren und fühlen sich verraten. Die neuen Schwierigkeiten werden von vielen lokalen Politikern kleingeredet und natürlich trage auch die afrikanische Seite eine Mitverantwortung, wenn falsche Handelsverträge unterschrieben würden, führte Diallo weiter aus. Für die Bauern sehe er zudem zwei große Gefahren: „junge Menschen ohne Zukunftsperspektive lassen sich leichter von zunehmend agierenden Islamisten beeinflussen, andere entscheiden sich, das Land zu verlassen und versuchen, nach Europa zu kommen. Wir versuchen alles, diese Entwicklung zu verhindern. Bitte helft uns dabei“.

Adama (genannt Ibrahim) Diallo wurde ebenso wie die anderen Gäste von Misereor stark gefordert. Am Abend vor der Veranstaltung in Birkenau war er Redner im Weltladen im Viernheim, teilweise hatte er vier Veranstaltungen an einem Tag. Hervorragend die professionelle Simultan-Übersetzung durch Joke Jochum, die Diallo bei allen Vorträgen unterstützte.

Zur Misereor-Fastenaktion und zu dem Projekt der Minimolkereien gibt es umfangreiche Hintergrundinformationen im Internet unter http://misereor.de, unter anderem ein Kurzfilm mit Ibrahim Diallo.

Siehe dazu auch den Artikel in der Odenwälder Zeitung vom 7.4.17: http://www.wnoz.de/Milchproduktion-hilft-Bauern-in-Afrika-86bb6feb-5afd-...